Unter welchen Umständen kann ein Schutzschirmverfahren misslingen?

Damit Sie als Geschäftsführer die Risiken eines Schutzschirmverfahrens besser einschätzen können, erkläre ich Ihnen die typischen Gefahrenstellen.

Geht ein Schutzschirmverfahren schief, befindet sich das Unternehmen in einer gewöhnlichen Regelinsolvenz. Das heißt, das Gericht hebt die Eigenverwaltung wird auf und der Insolvenzverwalter übernimmt die Kontrolle. In der Regelinsolvenz verliert der Unternehmer das Unternehmen, weil es dann verkauft oder zerschlagen wird.

Das sind die Gefahren des Schutzschirms:

  • Gericht verweigert den Schutzschirm
  • Unternehmen erwirtschaftet keinen Gewinn
  • Alles ist sicherungsübereignet
  • Sachwalter mischt sich ein
  • Mitarbeiter laufen davon
  • Geld geht aus
  • Unternehmen zu wertvoll
  • Gesellschafter bürgt für Unternehmensschulden

Gericht verweigert den Schutzschirm aufgrund schlechter Vorbereitung oder vertiefter Zahlungsunfähigkeit

Auf das Schutzschirmverfahren besteht zwar ein gesetzlicher Anspruch. Aber in der Praxis stehen die Gerichte dem Schutzschirmverfahren kritisch gegenüber. Sie glauben immer noch, dass der Unternehmer die Rettung nicht verdient hat, wenn das Unternehmen in die Zahlungsunfähigkeit gerät.

Deshalb muss der Sanierungsberater das Gericht von der Schutzschirm-Fähigkeit des Unternehmens überzeugen. Das Schutzschirmverfahren gibt es nicht automatisch.

Der häufigste Ablehnungsgrund ist “vertiefte Zahlungsunfähigkeit”. Hat das Unternehmen die Bilanzen und die Buchhaltung vernachlässigt, sind Sozialversicherungsbeiträge offen oder pfändet das Finanzamt bereits, wird das Gericht den Schutzschirm möglicherweise verweigern.

Gleiches gilt bei einem schlampigen Schutzschirmantrag. Mindestvoraussetzung für einen erfolgreichen Antrag ist ein schlüssiger Sanierungsplan und eine Finanzplanung. Der Antrag muss alle rechtlichen und tatsächlichen Verhältnisse des Unternehmens beschreiben und einen Fahrplan beinhalten, welche Sanierungsschritte mit welchen Auswirkungen zu welchem Zeitpunkt geplant sind.

Unternehmen erwirtschaftet keinen Gewinn

Auch wenn das Unternehmen unter dem Schutzschirm wichtige Zahlungserleichterungen erhält, muss es mit Gewinn arbeiten. Das heißt, am Ende einer jeden Woche sollte eine schwarze Zahl als Ergebnis stehen. Ausrutscher sind ausnahmsweise erlaubt. Gelingt es kurzfristig aber nicht, den Abwärtstrend zu stoppen, stoppt das Gericht den Schutzschirm.

In der Eröffnungsphase, in der die Löhne, die Umsatzsteuer und der Schuldendienst entfallen, wird das Unternehmen mit Leichtigkeit schwarze Zahlen schreiben. Im Hauptverfahren allerdings wirtschaftet der Betrieb wieder unter Volllast (ohne Schuldendienst und ohne gekündigte Verträge). Dann stellt sich heraus, ob die Sanierung wirksam greift.

Alles ist sicherungsübereignet

Wie oben dargestellt, muss das Unternehmen einen Gewinn erwirtschaften. Die Zahlungseingänge müssen aber auch frei verfügbar sein. Das sind sie nicht, wenn das Unternehmen die Zahlungseingänge als Sicherheit an die Bank abgetreten hat (=Zession).

Bei einer Abtretung der Zahlungseingänge an eine Bank muss das Unternehmen alle Zahlungseingänge mit Leistungszeitraum vor der gerichtlichen Anordnung des Vollstreckungsschutzes herausgeben. Als Folge fehlt der Bank die Liquidität zur Fortführung. Dann entscheidet die Bank und nicht das Unternehmen, ob es mit einem Schutzschirm weitergeht.

Die Abtretung der Zahlungseingänge ist eine schwierige Hürden auf dem Weg zu einer erfolgreichen Sanierung. Das heißt aber nicht, dass ein Schutzschirmverfahren bei Sicherungsabtretung aussichtslos ist. Vielmehr benötigt das Unternehmen mehr Zeit zur Vorbereitung des Schutzschirms, um die Sicherungsabtretung vor dem Schutzschirm abzulösen.

Weiteres Erschwernis im Schutzschirm kann die Sicherungsübereignung der Maschinen, Abtretung des Warenlagers, Ware unter Eigentumsvorbehalt, usw. sein. Das heißt, das Unternehmen muss die Interessen der Gläubiger mit Sicherungsrechten besonders berücksichtigen. Hierzu vereinbart das Unternehmen mit dem Sicherung-Gläubiger auf welche Art und Weise das Sicherungsgut genutzt bzw. verwertet werden darf. Will ein Sicherungs-Gläubiger eine Maschine abholen, kann das Unternehmen ihn per Gerichtsbeschluss daran hindern.

Sachwalter mischt sich ein

Ein Schutzschirmverfahren kann kippen, wenn das Unternehmen den gerichtlich bestellten Sachwalter im operativen Geschäft mit agieren lässt.

Das Gericht bestellt den Sachwalter als Schiedsrichter und Aufsichtsperson. Der Sachwalter muss das Schutzschirmverfahren überwachen und Alarm schlagen, sobald die Sanierung die Gläubiger-Interessen gefährdet.

Keinesfalls sollte die Geschäftsführung den Sachwalter in das operative Geschäft und unternehmerische Entscheidungen einbeziehen. Dadurch entsteht eine psychologische Kettenreaktion und am Ende wird der Sachwalter zum Insolvenzverwalter.

Zwar ist die Versuchung für die Geschäftsführung groß, sich zu jeder unternehmerischen Entscheidung beim Sachwalter abzusichern. Aber mit jeder Frage untergräbt die Geschäftsführung ihre eigene Autorität.

Schutzschirmverfahren rettet Software-Unternehmen und verhindert feindliche Übernahme

Deshalb rate ich dazu, dass die Geschäftsführung am besten gar nicht direkt mit dem Sachwalter kommuniziert, sondern nur über den Sanierungsberater. Für die Kommunikation mit dem Sachwalter sollte nur eine Person zuständig sein. Sonst entsteht ein Kommunikations-Chaos und der Sachwalter gewinnt den Eindruck, das Sanierungsteam hat das Unternehmen nicht im Griff.

Mitarbeiter laufen davon

Während noch vor wenigen Jahren das Problem darin bestand, Mitarbeiter loszuwerden, geht es heute eher darum, die Belegschaft trotz Schutzschirm im Unternehmen zu halten. Oft werben Headhunter die besten Mitarbeiter ab, sobald sie von dem Schutzschirm erfahren. Dem Abwerben muss das Unternehmen mit Bleibeprämien und gutem Zureden entgegnen.

Geld geht aus

Das Unternehmen muss unter dem Schutzschirm Geld verdienen. Einerseits um sich selbst zu finanzieren. Andererseits um die Schutzschirm-Kosten zu bezahlen und am Schluss muss Geld zur Verteilung an die Gläubiger erwirtschaftet sein.

Verfehlt das Unternehmen die Ziele trotz der gewährten Subventionen wie Insolvenzgeld usw., kann der Unternehmer gegebenenfalls mit einer Einlage weiterhelfen. Ist auch dieser Weg versagt, wird der Sachwalter das Schutzschirmverfahren abbrechen.

Unternehmen zu wertvoll

So wie in der Regelinsolvenz besteht auch im Schutzschirm die gesetzliche Pflicht, das Unternehmen im Interesse der Gläubiger bestmöglich zu verwerten. Dazu stehen vier Verwertungsalternativen gegenüber:

  • Unternehmensfortführung mit Fremdgeschäftsführer und Ausproduktion
  • die Zerschlagung und der Verkauf der Einzelteile in der Regelinsolvenz
  • der Verkauf des Unternehmens im ganzen an einen Investor
  • der Schuldenvergleich (Insolvenzplan) im Schutzschirmverfahren.

Die gesetzliche Pflicht zur bestmöglichen Gläubigerbefriedigung bedeutet, dass auch im Schutzschirmverfahren das Sanierungsteam alle Verwertungsalternativen prüfen und sich für die beste Gläubiger-Alternative entscheiden muss. Notfalls muss das Unternehmen sich selbst verkaufen.

Während die ersten beiden Alternativen „Unternehmensfortführung und Ausproduktion“ und „Zerschlagung“ keine Konkurrenz für den Schutzschirm sind, kommt das Szenario “Unternehmensverkauf” dem Schutzschirm oft gefährlich nahe.

Die Gefahr besteht vor allem bei einem besonders wertvollen Unternehmen. Das Sanierungsteam muss dann versuchen, das Unternehmen möglichst unattraktiv darzustellen und hohe Übernahmehürden, wie beispielsweise die Nutzung fremder Rechte. Das Sanierungsteam muss versuchen, den Kaufinteressenten abzuwimmeln, bevor es überhaupt zu einem Gebot kommt.

Gesellschafter bürgt für Unternehmensschulden

Haftet der Gesellschafter persönlich für die Schulden des Unternehmens, so wie im deutschen Mittelstand üblich, müssen zwei Sanierungen durchgeführt werden: Entschuldung des Unternehmens und Entschuldung des haftenden Gesellschafters.

Die Haftung des Gesellschafters erschwert die Sanierungsaussichten besonders dann, wenn die Hausbank den Kredit über eine Förderbank wie KfW abgesichert hat. Dann muss die Abstimmung über einen Schuldenerlass zugleich mit mehreren Bankengremien erfolgen. Das ist furchtbar und dauert mindestens ein Jahr.

Besser, der Insolvenzplan sieht eine Übertragung der Gesellschaftsanteile auf eine andere Person vor und der persönlich haftende Gesellschafter entschuldet sich mittels der einjährigen Privatinsolvenz. Das hört der betroffene Gesellschafter nicht gerne, ist aber leider so.

P.S.: Meine Ausführungen, unter welchen Umständen ein Schutzschirmverfahren misslingen kann, sollen Sie keinesfalls demotivieren. Gefahren sind zumeist beherrschbar, wenn man sie kennt.

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