Schutzschirmverfahren rettet Software-Unternehmen und verhindert feindliche Übernahme

Das Software-Unternehmen eines Finanzinvestors gerät aufgrund Führungsschwäche in die Krise. Im Schutzschirmverfahren habe ich es entschuldet und einem neuen Beisitzer zugeführt.

Softwareunternehmen entschuldet Insolvenzverfahren

Ausgangssituation

Die Schuldnerin wurde im Jahr 2000 als Aktiengesellschaft mit Sitz in Hamburg gegründet und war an der Hamburger Börse notiert. Im Jahr 2014 wurde die Schuldnerin delistet. Seit dem ist die Schuldnerin einem kontinuierlichen Sanierungsprozess ausgesetzt. Jüngste Sanierungsmaßnahmen vor dem Insolvenzverfahren waren die Umwandlung der Gesellschaftsform in eine GmbH, der Austausch der Geschäftsführung sowie die Verlegung des Geschäftssitzes von Hamburg nach Berlin. Die Schuldnerin berät Organisationen, Konzerne und Behörden zu betriebswirtschaftlichen, organisatorischen und informationstechnologischen Problemen. Zur Lösung dieser speziellen Kundenprobleme entwickelt und vermarktet sie Software. Bei der Schuldnerin sind aktuell 17 Mitarbeiter angestellt. Im Jahr 2016 erwirtschaftete die Schuldnerin einen Umsatz von 7,7 Mio. € bei einer Bilanzsumme von 5.018.539,07 €. Das Unternehmen war bei Antragstellung im Handelsregister des Amtsgerichts Charlottenburg unter der HRB 187044 B eingetragen.

Die Schuldnerin erstellt maßgeschneiderte Software für Dokumenten-Management und Datenarchivierung für Behörden, Unternehmen und Organisationen. Hierzu werden interne Leistungs- und Verwaltungsprozesse der Kunden softwareseitig abgebildet. Mit den Produkten und Dienstleistungen der Schuldnerin gelingt den Kunden die papierlose Erfassung, Bearbeitung, Bereitstellung und Archivierung von Dokumenten und die massenhafte Datenmigration zwischen verschiedenen Speichermedien auf der Basis von IBM und SAP Systemumgebungen. Der Umsatz setzt sich zusammen aus wiederkehrenden Wartungs- und Betriebsverträgen, IBM Softwarelizenzen, dem dazugehörigen Wartungsgeschäft für Updates und neue Releases sowie aus projektbezogenen Dienstleistungsumsätzen. Vereinzelt werden auch eigene Softwarelizenzen verkauft, die ebenfalls Dienstleistungsaufträge für Anpassungsprogrammierung nach sich ziehen.

Ihre Aufträge erhält die Schuldnerin insbesondere von namhaften Kunden wie Kaufland, Metro, ADAC, Swiss Life, Heidelberger Leben, Jungheinrich, Hapag Lloyd, Lufthansa, Wincor Nixdorf und dem Auswärtigen Amt. So verwaltet zum Beispiel das Auswärtige Amt die gesamten Übersetzungsaufträge und Dokumente der Bundesregierung mit Hilfe der Softwarelösung von Schuldnerin und der ADAC verwaltet die Stammdaten seiner Mitglieder mit Systemen von der Schuldnerin. Ein Ausfall dieser Betriebsleistung hätte empfindliche Folgen für die operative Leistungsfähigkeit der genannten Kunden.

Die Umsatzentwicklung der Schuldnerin hatte ihren Höhepunkt im Jahr 2011 mit 18 Mio. € Umsatz und über 100 Mitarbeitern, als das Unternehmen als klassisches IT-Systemhaus in verschiedenen Sparten Hardware, Software und IT-Dienstleistungen verkauft hatte. Seit diesem Zeitpunkt hatte die Schuldnerin regelmäßig Sparten und Tochtergesellschaften verkauft und stillgelegt, sodass in 2016 die Schuldnerin mit einem verringerten Leistungsspektrum nur noch 7.7 Mio. € Umsatz mit rund 43 Mitarbeitern erwirtschaftete. Die Sparte „Consulting, Dienstleistungen und Entwicklung“ war in der Vergangenheit überwiegend defizitär, da für die Abarbeitung von neuen Softwareprojekten auf Tagesbasis personalseitig regelmäßig Überkapazitäten vorgehalten werden mussten und diese Sparte 2016 mit rund EUR 3.4 Mio. etwas weniger als die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftete, dafür jedoch mit rund 22 Mitarbeitern mehr als die Hälfte der Belegschaft in Anspruch nahm.

Krisenursachen

Die Schuldnerin hat in 2017 keine neuen Softwarelizenzen mehr verkauft und im 1. Halbjahr die Personalkapazitäten der Sparte Consulting, Dienstleistungen und Entwicklung auf die Abarbeitung von laufenden Projekten aus 2016 konzentriert, bei denen es teilweise zu erheblichen Verzögerungen und Budgetüberschreitungen kam, die vom Kunden nicht mehr bezahlt wurden. Die Schuldnerin hatte bereits frühzeitig Gegenmaßnahmen eingeleitet und im Februar 2017 einen weiteren Vorstand für das Ressort Vertrieb eingestellt, der jedoch bereits Ende April wieder abberufen wurde. Aufgrund der schlechten Auslastung, der Kündigung von Abteilungsleitern und Know-how Trägern und der daraufhin angedeuteten Personalmaßnahmen haben 15 Mitarbeiter (Projektleiter und Programmierer) der Sparte Consulting & Entwicklung bereits gekündigt oder Abwicklungsvereinbarungen geschlossen.

Die Schuldnerin wurde während der 2-3 monatigen Kündigungsfristen von den weiterlaufenden Personalkosten erdrückt, während die besagten Mitarbeiter nahezu keine fakturierbare Dienstleistung beim Kunden erbringen oder bereits unter Anrechnung von Urlaubsansprüchen das Unternehmen verlassen haben. So ist zum Beispiel der monatliche Dienstleistungsumsatz mit eigenen Mitarbeitern von durchschnittlich 150 Tsd. € im ersten Quartal auf nur noch 55 Tsd. € im zweiten Quartal eingebrochen, wobei die Personalkosten unverändert hoch geblieben sind.

Ferner wurde die Schuldnerin von weiterlaufenden operativen Kosten belastet, die dem verringerten Personalbestand nicht mehr angemessen sind. So mietete die Schuldnerin am Standort Hamburg für mehr als 25.000 € Miete & NK pro Monat eine Immobilienfläche von 650 qm für nur 8-10 durchschnittlich anwesende Mitarbeiter. Außerdem trug das Unternehmen noch die laufenden KFZ – Leasingkosten und Nebenkosten für die ausgeschiedenen Mitarbeiter in Höhe von rund 5.000 € pro Monat.

Die Schuldnerin leitete interne Reorganisations- und Restrukturierungsschritte ein und bearbeitete weiterhin die laufenden Kundenprojekte mit internen und externen Mitarbeitern. Der Gesellschafter hatte zur Vorfinanzierung von Restrukturierungsmaßnahmen Ende Mai und Anfang Juni 2017 Gesellschafterdarlehen im Umfang von insgesamt 450.000 € gewährt, damit die Abarbeitung laufender Kundenprojekte gewährleistet war und gleichzeitig Sanierungsmaßnahmen finanziert werden konnten. Am 23.06.17 kündigte die Factoring-Gesellschaft Coface den Einbehalt sämtlicher Forderungseingänge und verursachte somit eine Liquiditätslücke von rund 220.000 €.

Sanierungsschritte

Knackpunkt in diesem Verfahren war, dass die Schuldnerin letztendlich führungs- und herrenlos war. Vor dem Schutzschirm befand sich die Schuldnerin im Eigentum eines Kapitalinvestors und wurde von einem Interims-Manager geführt. Im Schutzschirmverfahren musste ein neuer Gesellschafter-Geschäftsführer gefunden werden, welchen sowohl die Belegschaft als auch die sensiblen Auftraggeber akzeptieren. Diesen haben wir auch gefunden, in der Person des damaligen Vorstandes, welcher das Unternehmen vor 10 Jahren aufbaute und an die Börse brachte.

Die Auftraggeber haben die Rückkehr des damaligen Vorstandes begrüßt und schenken nach dem Wechsel des Managements dem Unternehmen wieder Vertrauen. Kündigungen der Auftraggeber sind nicht erfolgt. Insbesondere ist es gelungen, den größten Auftraggeber Diebold Nixdorf / Hamburger Sparkasse von der Rückgängigmachung seiner Kündigung zu überzeugen. Diebold-Nixdorf ist wieder im Boot und das ursprüngliche Langzeit-Projekt wird fortgesetzt. Die Auftragslage ist insoweit sehr gut.

Ergebnisse des Schutzschirms

    • Übertragung des Unternehmens auf den früheren Vorstand, welcher das besondere Vertrauen der Auftraggeber geniest
    • Kein Auftragsverlust
    • Feindliche Übernahmeversuche wurden abgewehrt
    • Höhe der Verschuldung vor Schutzschirmverfahren: 1.435.600 €
    • Einigung mit Gläubigern im Insolvenzplan auf Quote 8,3 %
    • Ausschüttung an die Gläubiger: 119.232 €
    • Verfahrensdauer 9 Monate

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