Kann die neue Restschuldbefreiung ab 07/14 die EU-Insolvenz ersetzen?

Ab Juli 2014 treten neue Regeln zur Entschuldung von Privatpersonen in Kraft. Unter bestimmten Umständen können sich Privatpersonen mit dem neuen Privat-Insolvenzverfahren nach einem, drei oder nach fünf Jahren entschulden.

Viele Leser überlegen derzeit, ob sich eine EU-Insolvenz in England noch lohnt oder ob sie bis Juli 2014 abwarten, um sich dann in Deutschland zu entschulden. Hierzu gebe ich Ihnen eine Entscheidungshilfe:

Die Neuerungen der Privatinsolvenz ab Juli 14 im Überblick

Die Neuerungen des Privat-Insolvenzverfahrens ab Juli 2014 sind inzwischen weitgehend bekannt:

  • 1 Iahr: Entschuldung per Insolvenzplan: In einem aufwändigen gerichtlichen Verfahren bietet der Schuldner eine Quote von ca. 5% bis 10%. Die Entschuldung per Insolvenzplan kann binnen Jahresfrist oder schneller abgeschlossen sein.
  • 3 Jahre: Die Restschuldbefreiung nach drei Jahren erhält, wer bis dahin 35% der von den Gläubigern zur Insolvenztabelle angemeldeten Schulden bezahlen kann.
  • 5 Jahre: Die Restschuldbefreiung nach fünf Jahren erhält, wer in fünf Jahren zumindest die Gerichtskosten von ca. 3.000 EUR bis 5.000 EUR ansparen kann.

Gerade der Insolvenzplan für Privatpersonen ist eine vielversprechende Methode, die Schulden schnell wieder loszuwerden. Einem in Sanierungsdingen erfahrenen Rechtsanwalt wird es ohne weiteres möglich sein, seinen Mandanten innerhalb eines Jahres mit Hilfe eines Insolvenzplans zu entschulden.

Ich meine allerdings, dass die EU-Insolvenz in England trotzdem nicht zu toppen ist. Die EU-Insolvenz in England bleibt für Schuldner das beste und angenehmste Verfahren.

Warum die EU-Insolvenz in England das beste Verfahren bleibt, hat zwei Ursachen: Erstens gibt es in England keine Anfechtung und zweitens haben die Gläubiger kaum Einfluss, die Restschuldbefreiung zu versagen.

  • Anfechtung bedeutet, der Insolvenzverwalter lässt sich die Kontoauszüge der letzten Jahre vorlegen und überprüft, ob Sie vor der Insolvenz noch Vermögen übertragen oder beispielsweise „Schulden“ an Freunde oder Verwandte bezahlt haben. All diese Geschäfte holt der Insolvenzverwalter zurück.
  • Einfluss der Gläubiger auf die Restschuldbefreiung bedeutet, dass das neue Insolvenzrecht es den Gläubigern leicht macht, die Restschuldbefreiung zu verhindern oder sie boykottieren eine Entschuldung über den Insolvenzplan.

Das englische Insolvenzrecht hingegen kennt all diese Hürden nicht. Deshalb empfehle ich jedem, der unabhängig ist und es sich leisten kann, unverändert die EU-Insolvenz in England.

Vorteile und Nachteile deutsche Insolvenz

  • Die mit der Verlegung des Lebensmittelpunktes verbundenen Unanehmlichkeiten bleiben erspart.
  • Rechtssicherheit nach Erteilung der Restschuldbefreiung
  • erschwerte Restschuldbefreiung bei Steuerschulden
  • Insolvenzplan kann scheitern, dann befindet man sich in einem normalen Insolvenzverfahren
  • Vermögensübertragungen an Freunde und Verwandte in den letzten 10 Jahren werden angefochten, Vergangenheit wird durchleuchtet, der Schuldner muss Rede und Antwort stehen
  • demütigendes Verfahren, Überwachungs- und Kontrolldichte hoch
  • die Entschuldung binnen Jahresfrist über den Insolvenzplan bzw. binnen drei Jahren ist teuer, weil die Gläubiger (teilweise) zu befriedigen sind.

Vorteile und Nachteile englische Insolvenz

  • inclusive Vorbereitungszeit ist man binnen 20 Monaten schuldenfrei.
  • garantierte Restschuldbefreiung (=automatic discharge), der Betroffene erhält die Restschuldbefreiung in England auf jeden Fall
  • Schuldner muss keine Aufarbeitung seiner Vergangenheit und keine Anfechtung befürchten
  • Erweiterung des Horizontes, gerade Geschäftsleute lernen das liberale angelsächsische Wirtschaftssystem sehr zu schätzen und nutzen dieses fortan für vorteilhafte Geschäfte.
  • teuer, der Aufwand kann leicht 25.000 EUR betragen
  • die in England erteilte Restschuldbefreiung kann zu ärgerlichen „Schamützeln“ bei Rückkehr nach Deutschland führen
  • von dem Schuldner wird aufgrund des Umzuges nach England viel Mut und Flexibilität verlangt
  • Schuldner darf nicht Arbeitnehmer in Deutschland sein.

21 Gedanken zu „Kann die neue Restschuldbefreiung ab 07/14 die EU-Insolvenz ersetzen?

  1. Sehr geehrter Herr Franzke,
    ich bin Beamte und überlege in die PI zu gehen. Hätte eine Insolvenz für mich dienstrechtliche Konsequenzen?
    Wie hoch ist mein Eigenbehalt? Mein Sohn besucht eine Privatschule, muss er diese dann verlassen?
    Mit freundlichen Grüßen
    Elisa

    • Jörg Franzke sagt:

      Hallo,
      nein, es wird keine diziplinarrechtlichen Folgen geben. Dies gilt auch für Finanzbeamte oder Polizeibeamte. Bei einer Unterhaltspflicht beginnt die Pfändungsgrenze bei 1.440 EUR. Beiträge zur privaten Krankenkasse erhöhen die Pfändungsgrenze. Falls Ihr Einkommen ausreicht, kann das Kind auf der Schule bleiben.

  2. Wie ist das, wenn ich meinen Vater als Gläubiger angebe? Holt der IV/TH das Geld auch zurück? Wenn ich vor der PI einen Gläubiger elliminiere, was geschieht damit? Das betrifft bei mir die Postbank, das Konto ist ausgeglichen. Den ersten Teil der Frage möchte ich so verstanden wissen, dass ich gegen einen Gläubiger zivilrechtlich vorgehe, der Notar dürfte auch noch kommen und da könnte ich einen vollstreckbaren Titel erhalten. Dessen Haftpflichtversicherung zahlt dann der Bank. Sollte dieses Vorgehen scheitern würde ich PI beantragen.

    • Jörg Franzke sagt:

      Können Sie alles so machen. Solange die Zahlung an die Postbank nicht nach der Kreditkündigung erfolgt, ist nichts anfechtbar.

  3. Hallo Herr Franzke,

    ich habe in 2013 eine Gastronomie übernommen und habe seit der Sanierung der Räumlichkeiten im September 2013 finanzielle Probleme.
    Bei den ausstehenden Zahlungen sind auch 6000 ,- € Umsatzsteuer.
    Und Zahlungen für die Sozialversicherung für einen fest angestellten Koch. Dieser hat nun zum 01.10. eine Änderungskündigung auf geringfügig erhalten, weil es nicht mehr machbar ist die Lohnnebenkosten zu zahlen.
    Er hat sie akzeptiert!!
    Des weiteren habe ich 7 Angestellte auf Minijobbasis, wovon 2 nur den Sozialen Satz verdienen! 160 €.
    Wie verfahre ich am Besten? Ich habe schon überlegt in die Inso zu gehen, aber der Betrieb läuft eigentlich gut und er liegt mir am Herzen! Genau wie die Angestellten….
    Gruß
    Katrin

  4. Hallo Herr Franzke, ich habe ca. 170.000 € Schulden (inkl. Fiamt) und bin im Rentenalter (Rente wird ca. 650,00€ sein) , könnte aber ca. 15 – 20.000€ bekommen. Würde sich dann ein Insolvenzplan anbieten oder wird das Fiamt nicht mitmachen?
    Sind dann auch Einnahmen aus einer selbstständigen Tätigkeit bis zur Pfändungsgrenze weg? Und wenn keine Zustimmung erfolgt, kann ich dann noch in England Insolvenz einreichen?
    VG

    • Jörg Franzke sagt:

      Sie müssen sich entscheiden, ob Insolvenz in Deutschland oder in England. Nachträglich umschalten geht leider nicht. Ein Insolvenzplan lohnt sich immer, zusätzliche Voraussetzung zu dem Budget ist ein freundlich gesonnener Gläubiger, der zum Abstimmungstermin kommen wird und für Sie votiert. Falls beide Voraussetzungen vorliegen, empfehle ich eine Entschuldung per Insolvenzplan.

  5. Hermann Koegel sagt:

    Sehr geehrter Hr. RA Franzke,

    koennte ich die englische Restschuldbefreiung nutzen, wenn ich nach England ziehe, mich dort anmelde und Wohnung miete, aber dann einen internationalen Job fuer eine int. Organisation annehme, Land noch nicht bekannt, aber definitiv nicht England oder Deutschland ?

    Viele Gruesse und vorab dankeschoen fuer Ihre Antwort,
    H. Koegel

  6. Sehr geehrter Herr Franz,
    ich werde vss. in Insolvenz gehen müssen. Mein jetztiger Ehemann und unser Kind haben damit nichts zu tun. Wír arbeiten beide, das Gehalt meines Mannes ist viel höher. Außerdem wohne ich mietfrei in seinem Haus. Inwieweit kann ein fiktiver Unterhalt oder eine Mieterparnis bei mir mein pfändbares Gehalt erhöhen. Wird unser Kind mir oder ihm bzgl. Unterhalt zugerechnet, ich weiß nicht, ob meine Pfändunggrenze bei 1050 liegt oder um ca. 400 Euro erhöht wird, nur weil unser Kind auf meiner Lohnsteuerkarte steht. Danke für Ihre Antwort in Voraus.

    • Jörg Franzke sagt:

      Hallo,

      das Kind zält als Unterhaltspflicht, das heißt Ihre Pfändungsgrenze beginnt bei 1.460 EUR. Mietersparnis wirkt nich nicht auf die Pfändungsgrenze aus.

  7. Guten Abend, besteht eine Möglichkeit Schulden aus unerlaubter Handlung (GKV-Schulden) im neuen privaten Restschuldverfahen ab Juli 2014 zu entschulden..?
    Eine Firmeninsolvenz ist schon von 2006-12 erfolgt – bis auf die Forderungen nach §39 insO – nun klopft der GV wieder an!
    Nehme ich diese Forderungen mit ins Grab ? Enstanden sind diese aus Firmenpleite von 1998 ? Ab wann zählen die 30 Jahre?
    VG

    • Jörg Franzke sagt:

      Nein, auch das neue Insolvenzrecht sieht einen Ausschluss von unerlaubten Handlungen vor. Die Forderungen verjähren 30 Jahre, nachdem der Titel erlassen wurde. Wann das war, steht auf dem Titel. Sie haben die Möglichkeit, einen freiwilligen Schuldenvergleich zu versuchen. Meist holt man bei solch alten Schulden ganz gute Quoten heraus.

  8. Michael Finis sagt:

    Danke zunächst für die „Lektionen zum Insolvenzrecht“, sehr interessant und Mut machend aber auch verwirrend.
    Nach Ihrer persönlichen Beratung war ich fest von der Englandinsolvenz überzeugt. Nun zeigt sich aber auch die Möglichkeit in Deutschland ab dem 1.7.14 mit dem Insolvenzplan.
    Ich habe bereits ein gescheitertes Insolvenzverfahren in Deutschland hinter mir, befinde mich derzeit noch in der Sperrfrist (5 Jahre bereits), bin seit über einem Jahr bei einer inländischen Schuldnerberatung, welche mit meinen 8 Gläubigern in Verhandlung stehen zu einer außergerichtlichen Schuldenbereinigung (bei 144.000,00 € Gesamtschulden). Bisher blockierte mein hiesiges Finanzamt (etwa noch 4000,00 € Schulden) mit Kontopfändung, auch die APO-Bank (etwa 5000,00 € Schulden) stellte sich quer und verlangt die Eidesstattliche Versicherung von mir. Ab 1.4.14 bin ich arbeitslos, kann aber auf Honorarbasis weiter arbeiten und „ausreichend“ Geld verdienen um einen Schuldenplan zu bedienen. Wie sieht Ihre Empfehlung aus?
    Herzliche Grüße M. Finis

    • Jörg Franzke sagt:

      Hallo,

      sorry, wenn meine Lektionen Sie verwirren. Entsprechend Ihrem Sachverhalt sehe ich als einzige Möglichkeit, die Schulden loszuwerden, in der EU-Insolvenz. Nach englischem Insolvenzrecht gibt es keine 10jährige Sperrfrist, Sie können also sofort einen neuen Antrag stellen. Wenn sie alles richtig machen und insbesondere den Lebensmittelpunkt glaubhaft darstellen können, ist die EU-Insolvenz eine zuverlässige Art sich zu entschulden. Gerne berate ich Sie hierzu.

      Grüsse
      Franzke

  9. Welche Kostenfallen auf mich gesammt.Im falle einer Insolvenz?
    Bitte konkret sofern möglich.Inkl Ihre Anwaltsgebühren.Würde ich eventuell während der Zeit sofern die EU-Insolvenz eintritt davon Profitieren können?

    MfG
    Runge

    • Jörg Franzke sagt:

      Es gibt keine Kostenfallen. Man vereinbart ein festes Honorar zur Vorbereitung der Insolvenz und fertig. Weitere Kosten entstehen nicht.

  10. Michael Finis sagt:

    sehr interessant für mich, die Alternative Entschuldung nach Insolvenzplan in Deutschland, aber die Risikofaktoren verunsichern

    • Jörg Franzke sagt:

      Das ist schon richtig. Man muss bedenken, dass die Gläubiger zu einem Insolvenzplan auch „nein“ sagen können. Aber ich halte das Risiko für beherrschbar.

  11. Hallo Herr Franzke,ich habe keleinunternehmer gewerbe §19b
    und habe jetzt durch mein Onlineshop durch eine Klage des Mitwerbers Anwaltskosten ca 8.000€ und Gerichtskosten 2500€.
    Ich bin arbeitslos und habe gar kein vermögen.Könnte aber vielleicht Freiwilligeschuldenvergleich anbieten dem Gericht bzw den Anwälten.Geht das ?Des weiteren wenn die nicht akzeptieren und ich Privatinsolvenzbeantrage und 1/4 der Summe zahle ,wann kann ich frühstens schuldenfrei sein?Welche möglichkeiten habe ich sonst?
    Würde ich wenn der neue EU-Insolvenz eintritt davon profietieren?Wass würde im Privatinsolvenzfall auf mich gesammtkosten anfallen für alles.

    • Jörg Franzke sagt:

      Hallo,

      ja, Sie können es durchaus versuchen mit einem freiwilligen Schuldenvergleich. Kommt dieser nicht zustande, beantragen Sie die Insolvenz und wenn Sie es schaffen, innerhalb von drei Jahren 35% Ihrer Schulden abzuzahlen, sind Sie schon dann schuldenfrei.

      Grüsse
      Franzke

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*