Baubetrieb saniert mit Schutzschirmverfahren, um Liquiditätsverlust aufgrund versäumter Nachträge aufzuholen.

Ausgangslage

Das Unternehmen wurde im Jahr 2010 gegründet und steht in der Rechtsnachfolge einer seit dem Jahre 1926 bestehenden Unternehmenstradition der Unternehmerfamilie.

Das Unternehmen ist im Hochbau und Tiefbau angesiedelt. Die Spezialgebiete sind Hochwasserschutz, Tunnelbau, Bau von Bahnhöfen und Häfen, Straßenbau sowie Schallschutzwände der Deutschen Bahn und an Autobahnen.

Der letzte Generationenwechsel fand im Jahr 2010 statt. Hierzu gründeten die Nachfolger ein neues Unternehmen und übernahmen das gesamte Anlagevermögen sowie die Personalbestand des Vorgängers. Zugleich stellte das neue Unternehmen die Bauaufträge des alten Unternehmens als Subunternehmer fertig.

Aufgrund seiner langjährigen Tradition und seinem guten Leumund insbesondere bei öffentlichen Auftraggebern verfügt das Unternehmen über einen soliden Auftragsbestand. Das Marktumfeld ist für die nächsten Jahre verhalten optimistisch.

Ursachen der Krise

In die Krisensituation ist das Unternehmen aufgrund zweier Großprojekte geraten.

Das Projekt 1 war ursprünglich auf eine Dauer von 4 Monaten kalkuliert und sollte am 30.09.12 beendet sein. Jedoch kam es aufgrund von Fehlplanungen seitens des Auftraggebers immer wieder Verzögerungen.

Die Projekte sind bis heute noch nicht fertiggestellt. Zu dem Auftragsvolumen des Projektes 1 sind Nachträge in Höhe von 1.500.000 EUR hinzugekommen, worauf der Auftraggeber erst einen Bruchteil geleistet hat.

Weitere Probleme bestehen bei dem Großprojekt 2. Auch hier sind aufgrund von Fehlplanungen Nachträge in Höhe von 7.000.000 EUR entstanden, die der Auftraggeber nur sehr schleppend bezahlt.

Zu den oben genannten Problemen hatte das Unternehmen unter einer Betrugsserie zu leiden. Zwei Poliere rechneten mit Hilfe des damaligen Lohnbuchhalters über einen Zeitraum von rund vier Jahren zu viele Stunden ab und verkauften Diesel. Insgesamt wird der Schaden auf 200.000 EUR geschätzt.

Die hohen Nachtrags-Forderungen haben die Liquidität des Unternehmens nahezu ausgeschöpft. Ein Unternehmen in dieser Betriebsgröße kann Zahlungsausfälle in Höhe von rund 2.500.000 EUR nicht verkraften.

Geplanter Liquiditätsverlauf unter dem Schutzschirm

Geplanter Liquiditätsverlauf unter dem Schutzschirm

Sanierung unter dem Schutzschirm

Strategische Neuausrichtung

Folgende Maßnahmen zur Neupositionierung des Unternehmen und zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit sind geplant:

Diversifikation und kleinere Aufträge: Das Unternehmen wird den Kreis seiner Auftraggeber erweitern und nach zusätzlichen, zuverlässigen Auftraggebern suchen. Das Unternehmen wird sich nur noch an Ausschreibungen bis zu einem Bauvolumen von 1.500.000 EUR beteiligen. Eine Auswertung der Unternehmensdaten hat ergeben, dass kleinere Aufträge risikoärmer und einträglicher sind.

  • Einsparpotential ca. 500.000 EUR jährlich

Einrichtung eines Controlling-Systems bei Ausschreibungen: Das Unternehmen wird Ausschreibungen zukünftig von einem externen Ingenieurbüro bewerten und prüfen lassen. Auf dieser Grundlage kann das Unternehmen in Zukunft besser kalkulieren ist ist nicht mehr den Fehlkalkulationen seiner Auftraggeber ausgeliefert.

  • Einsparpotential ca. 550.000 EUR jährlich.

Operative Restrukturierung

Personalkosten: Als Sofortmaßnahme zu den Betrugsfällen wurden 4 Mitarbeiter fristlos und 7 weitere Mitarbeiter innerhalb ihrer Kündigungsfrist entlassen.

  • Einsparpotential: ca. 400.000 EUR jährlich

Überwachung der Stundenzettel, Tankquittungen usw.: Ab sofort kontrolliert die Geschäftsleitung wöchentlich die Stundenzettel der Mitarbeiter. Die Bauleiter werden in das Controlling einbezogen.

  • Einsparpotential ca. 150.000 EUR jährlich

Finanzielle Restrukturierung

Aufarbeitung der Nachträge: Das Liegenlassen der Nachtragsbearbeitung hat dem Unternehmen unbemerkt Liquidität entzogen. Die schleppende Nach-tragsbearbeitung ist wesentliche Ursache für jetzige Krisensituation.

Das Unternehmen hat aus seinen Fehlern gelernt, wird eine neue Abteilung “Nachtragsmanagement” einrichten und den Rückstau aufarbeiten.

Überschlägig geschätzter Ergebniseffekt:

  • April ca. 50.000 EUR
  • Mai ca. 100.000 EUR
  • Juni ca. 150.000 EUR
  • Juli ca. 100.000 EUR
  • August ca. 150.000 EUR
  • dann monatlich ca. 150.000 EUR

Neueinzahlung der Geschäftsanteile: Sollte eine Sanierung gelingen und es zu einer bilanziellen Entschuldung des Unternehmen in dem Schutzschirmverfahren kommen, plant die Unternehmerfamilie das Unternehmen mit neuem Eigenkapital auszustatten.

Die Ausstattung mit neuem Eigenkapital wird aller Voraussicht nach über die Neueinzahlung der Geschäftsanteile erfolgen, jedoch sind auch andere Maßnahmen denkbar.

Nutzung insolvenzrechtlicher Sanierungswerkzeuge

Zur Wiederherstellung ihrer Zahlungsfähigkeit und zu ihrer bilanziellen Entschuldung wird das Unternehmen die insolvenzrechtlichen Sanierungsinstrumente in Anspruch nehmen insbesondere:

  • Insolvenzgeld für drei Monate, ca. 600.000 EUR
  • Aussetzen einer Rate bei Dauerschuldverhältnissen, ca. 30.000 EUR
  • (Vorläufiger) Einbehalt der Umsatzsteuer
Geplantes Betriebsergebnis im Schutzschirmverfahren

Geplantes Betriebsergebnis im Schutzschirmverfahren

Das Sanierungsverfahren wird voraussichtlich sechs Monate dauern. Nach ca. fünfmonatiger Laufzeit soll der Gläubigerversammlung ein Insolvenzplan vorgelegt werden. Das Sanierungsteam ist sich sicher, dass der Plan eine Mehrheit finden und verabschiedet wird.

Bildnachweis Titelfoto, Urheberin: Patricia Bateira

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