10 Tipps vor dem Schutzschirmverfahren

Planen Sie die Sanierung Ihres Unternehmens mit dem Schutzschirmverfahren, gebe ich Ihnen diese wichtigen Tipps mit auf den Weg. Aus meiner täglichen Sanierungs-Praxis für Sie zusammengestellt.

  1. Eröffnen Sie ein neues Konto
  2. Planen Sie, welche Lieferanten Sie ausfallen lassen
  3. Bedenken Sie: Sachwalter sind einnehmende Wesen
  4. Falls nötig, gründen Sie eine zweite Gesellschaft
  5. Kommunizieren Sie den Schutzschirm offen
  6. Wehren Sie feindliche Übernahmen ab, indem Sie sich dumm stellen
  7. Erstellen Sie einen Businessplan über die Sanierung
  8. Passen Sie den richtigen Eröffnungs-Zeitpunkt ab
  9. Verbünden Sie sich mit wichtigen Gläubigern
  10. Schließen Sie Gesellschafter aus oder sichern Sie eigene Anteile

Tipp 1: Eröffnen Sie ein neues Konto

Die wichtigste Bedingung einer erfolgreichen Schutzschirm-Sanierung ist die Liquidität. Ohne Moos, nix los.

Das Schutzschirmverfahren erspart dem Unternehmen zwar immense Betriebskosten, aber ohne laufende Einnahmen und ohne Kontoguthaben zu Beginn des Schutzschirms scheitert die Schutzschirm-Sanierung.

Das anfängliche Kontoguthaben benötigen Sie, um neue Bestellungen und Aufträge ab Eröffnungsstichtag auslösen zu können. Später im laufenden Verfahren muss das Unternehmen kostendeckende Einnahmen erwirtschaften.

Für die Liquidität Ihres Unternehmens sind die ersten Tage im Schutzschirm ein Nadelöhr. Besonders eng wird es, wenn Ihr Unternehmen seinen Forderungsbestand an eine Bank zur Sicherheit abgetreten hat ( = Globalzession, Factoring). Dann fließen die Zahlungseingänge mit Leistungszeitraum vor Eröffnung des Schutzschirmverfahrens zunächst an die Bank und stehen Ihrem Unternehmen nicht zur Verfügung.

Ihr Unternehmen muss eine mehrwöchige Durststrecke ohne nennenswerte Einkünfte überbrücken, bis zu den neuen, freien Zahlungseingängen mit Leistungszeitraum ab Eröffnung-Stichtag. Zwar können wir per Verwertungsvereinbarung ca. 9% dieser abgetretenen Zahlungseingänge behalten. Aber die Liquidität wird dennoch äußerst knapp.

Aus diesen Gründen rate ich dazu, die Vorbereitung des Schutzschirms besonders auf die Liquidität auszurichten. Eröffnen Sie ein neues Geschäftskonto bei einer fremden Bank als Reservekonto, sobald es kriselt. Ca. zwei Wochen vor dem Schutzschirmverfahren leiten Sie alle Zahlungseingänge auf dieses Konto um. Sprechen Sie wichtige Auftraggeber persönlich an, damit diese den Kontowechsel nicht verschlafen.

Berücksichtigen Sie, ab wann die alte Bank die Lunte riecht. In den meisten Fällen besteht bei der alten Hausbank neben dem Geschäftskonto noch ein Kredit. Erfährt die Hausbank von dem Schutzschirm oder vermutet sie ihn, wird sie das Geschäftskonto schließen und die Guthaben mit den Krediten verrechnen. Die Zahlungseingänge auf das geschlossene Geschäftskonto behält die Bank ebenfalls ein. Dies wäre das Worst-Case-Szenario, wie ein Schutzschirm beginnen kann. Ihr Unternehmen besitzt keine Liquidität und muss den Schutzschirm aufgeben.

Tipp: Zur Vorbereitung der Schutzschirm-Sanierung eröffnen Sie ein neues Konto bei einer fremden Bank. Sammeln Sie dort alle verfügbare Liquidität und leiten Sie die Rechnungseingänge um.


Tipp 2: Planen Sie, welche Lieferanten Sie ausfallen lassen

Wir sind uns darüber einig, dass niemand Spaß daran hat, seine Lieferanten ausfallen zu lassen. Aber Sie befinden sich gerade in einer Notsituation. Da ticken die Uhren anders. Planen Sie deshalb ganz nüchtern ein, welche Lieferanten Sie vor dem Schutzschirm noch bezahlen werden und welche nicht.

Hierzu müssen Sie wissen, dass Ihr Unternehmen ab Eröffnung des Schutzschirms keine alten Rechnungen mehr bezahlen darf. Dies ist eine Grundregel des Schutzschirmverfahrens: Es ist gesetzlich verboten Rechnungen zu bezahlen, deren Leistungszeitraum vor dem Eröffnungs-Stichtag des Schutzschirms liegt!

Für Dauerschuldverhältnisse wie Mietverträge, Leasingverträge, usw. hat diese Grundregel kaum Bedeutung. Der Schutzschirm ist kein Kündigungsgrund. Vermieter, Leasinggeber, usw. stecken in den Verträgen fest und müssen sich sogar das Schwänzen einer Rate gefallen lassen.

Aber für Ihre Lieferanten hat die Grundregel eine erhebliche Bedeutung. Stellen Sie sich vor, Ihr Unternehmen baut wertvolle Maschinen und ist auf Spezialschrauben angewiesen, die es nur bei einem einzigen Lieferanten weltweit gibt. Vergraulen Sie diesen Lieferanten wegen eines Zahlungsausfalls, gerät Ihre gesamte Produktion in Schwierigkeiten.

Derartige Engpässe müssen wir vermeiden. Deshalb planen wir vor dem Schutzschirm, welche Lieferanten wir noch bezahlen und welchen wir einen Forderungs-Verzicht zumuten werden.

Das Bezahlen derartiger lebenswichtiger Lieferanten muss die Ausnahme bleiben. Wir sammeln so viel Cash wie nur möglich. Je höher die Liquidität, desto erfolgreicher die Unternehmens-Sanierung.

Tipp: Vermeiden Sie gefährliche Produktions- und Lieferstopps, indem Sie unmittelbar vor dem Schutzschirmverfahren alle Lieferanten bezahlen, von denen Ihr Unternehmen abhängig ist.


Tipp 3: Bedenken Sie: Sachwalter sind einnehmende Wesen

Im Schutzschirmverfahren führen Sie als Geschäftsführer Ihr Unternehmen in der so genannten Eigenverwaltung. Eigenverwaltung bedeutet, dass Sie das Unternehmen wie bisher selbst verwalten, unternehmerisch frei entscheiden und ebenso frei über das Geschäftskonto und die Vermögensgegenstände verfügen.

Die Einschränkung während des Schutzschirms besteht darin, dass das Gericht dem Unternehmen eine Aufsichtsperson beistellt. Die Geschäftsführung muss dieser Aufsichtsperson in kurzen Abständen über Gewinn- und Verlust, Liquidität und über den Sanierungsablauf berichten. Zusätzliche muss sich die Geschäftsführung besondere Ausgaben außerhalb des gewöhnlichen Geschäftsgangs genehmigen lassen.

Die Aufsichtsperson in der Eigenverwaltung nennt man „Sachwalter“. Die Person des Sachwalters bestimmt das Gericht. In der Regel bestellt das Gericht einen gestandenen Insolvenzverwalter aus dem Gerichtsbezirk.

Der Sachwalter ist also ein Insolvenzverwalter mit beschränkten Rechten. Der Sachwalter besitzt im Gegensatz zu einem Insolvenzverwalter nur ein Überwachungsrecht. Das operative Geschäft ist für den Sachwalter tabu.

Erfahrungsgemäß kommen nur wenige Sachwalter mit der Beschränkung ihres Amtes auf Überwachung zurecht. Sachwalter alias Insolvenzverwalter sind es gewohnt, sich massiv in das Unternehmen einzumischen und alles zu kontrollieren. Deshalb besteht im Schutzschirmverfahren die große Gefahr, dass der Sachwalter jede Gelegenheit nutzt, um sich in Ihr Unternehmen wie ein typischer Insolvenzverwalter einzumischen.

Jede offene Frage Ihrerseits und jede noch so kleine Schwäche wird dem Sachwalter als Rechtfertigung dienen, dass Sie keine Eigenverwaltung können. Als Folge wird er in Ihr Tagesgeschäft eingreifen…

Hat der Sachwalter sich erst einmal in Ihren Betrieb eingenistet, wird er beginnen, Sie zu manipulieren. Über kurz oder lang wird er Sie überzeugt haben, dass eine reguläre Insolvenz besser für das Unternehmen ist. Als Folge werden Sie die Eigenverwaltung aufgeben…

Um die gefährliche Dynamik zu vermeiden, rate ich dazu, dem Sachwalter von Anfang an Grenzen zu setzen. Vermeiden Sie als Geschäftsführer die direkte Kommunikation. Kommunizieren Sie statt dessen über Ihren Sanierungsberater.

Vermeiden Sie es insbesondere, die Betriebsversammlung bei Eröffnung des Schutzschirmverfahrens in Anwesenheit des Sachwalters abzuhalten. Andernfalls entmachten Sie sich selbst. Die Belegschaft würde nicht mehr Sie, sondern nur noch den Sachwalter als oberste Führungsperson anerkennen.

Tipp: Behalten Sie den Sachwalter unter Kontrolle. Sonst mischt er sich in Ihre Geschäftsführung ein und über kurz oder lang glauben Sie ihm, dass die Regelinsolvenz besser als das Schutzschirmverfahren für Ihr Unternehmen ist.


Tipp 4: Falls nötig, gründen Sie eine zweite Gesellschaft

Viele Geschäftsführer zweifeln am Erfolg des Schutzschirmverfahrens. Sie befürchten, dass ihr Unternehmen alle Aufträge verliert, sobald die Kunden und Auftraggeber davon erfahren.

Meine Erfahrungen aus rund 40 Sanierungsfällen sind besser. Es kann durchaus sein, dass Sie Aufträge mit Bekanntgabe des Schutzschirms verlieren werden. Einen Totalverlust aller Aufträge habe ich aber noch nie erlebt.

Trotz aller rosa Wölkchen bin ich mir der Verlust-Gefahr bewusst. Deshalb werden wir in der Vorbereitungsphase des Schutzschirmverfahrens analysieren, wie wahrscheinlich ein Auftragsverlust ist:

  • Kleine und Mittelständische Auftraggeber sowie Endkunden führen die Auftragsverhältnisse erfahrungsgemäß fort und erteilen neue Aufträge.
  • Öffentliche Auftraggeber und Konzerne könnten aufgrund ihrer Compliance-Regeln kündigen bzw. die Vergabe neuer Aufträge stoppen.
  • Um einen Auftragsentzug bei kritischen Auftraggebern zu vermeiden, hat sich die Gründung eines neuen Unternehmens vor dem Schutzschirmverfahren bewährt: Das neue Unternehmen nimmt die Aufträge an und leitet sie nach Abzug einer Bearbeitungspauschale an das alte Unternehmen weiter. Das alte Unternehmen führt die Aufträge als Subunternehmer aus und wir sanieren es im Hintergrund.

    Allerdings ist nicht jeder Fall für die Vorschaltung eines neuen Unternehmens geeignet. Benötigt das Unternehmen für die Durchführung der Aufträge bestimmte Fach-Zulassungen oder TÜV-Zertifikate, wird dem neuen Unternehmen die Zeit zur Beschaffung fehlen. In diesen Fällen wählen Sie die Betriebsaufspaltung:

    Einen Tag nach Eröffnung des Schutzschirmverfahrens spalten wir Ihr Unternehmen in einen Dienstleister und einen ausführenden Betrieb auf. Der Dienstleister behält alle Fach-Zulassungen und kann sich unbelastet an Ausschreibungen beteiligen. Das alte Unternehmen sanieren wir im Hintergrund.

    So wie manche Auftraggeber werden sicherlich auch einige Lieferanten „zickig“ sein. Die meisten Lieferanten beliefern Ihr Unternehmen trotz Schutzschirm weiter und stellen allenfalls auf Vorkasse um. Mit Bestellung auf Vorkasse können wir leben. Das Unternehmen besitzt im Schutzschirm die hierzu erforderliche Liquidität.

    Tipp: Befürchten Sie Auftragsverluste aufgrund des Schutzschirmverfahrens, gründen Sie eine neue Gesellschaft. Diese nimmt die Aufträge an und leitet sie an die alte Gesellschaft als Subunternehmer weiter.


    Tipp 5: Kommunizieren Sie den Schutzschirm offen

    Während wir den Schutzschirm vorbereiten, werden wir über Frage diskutieren: „Wie sage ich es meinen Kunden?“. Viele Unternehmer haben großen Respekt sich zu outen, weil sie den Verlust ihres Ansehens samt aller Aufträge befürchten.

    Um es vorneweg zu sagen: Verheimlichen können Sie das Schutzschirmverfahren nicht. Die Eröffnung des großen Schutzschirms nach § 270 b InsO wird zwar nicht öffentlich bekannt gegeben. Aber das Amtsgericht wird den Übertritt in das Hauptverfahren drei Monate später veröffentlichen auf der Webseite: www.insolvenzbekanntmachungen.de. Die Suchroboter von Creditreform und Co. erfassen die Bekanntmachung und leiten sie automatisch an Kunden und Lieferanten weiter. Dann wissen alle Bescheid.

    In den meisten Fällen aber wird es dem Unternehmer nicht gelingen, den Schutzschirm bis zur offiziellen Bekanntmachung geheim zu halten. Es gibt insbesondere zwei undichte Stellen:

    Gleich zu Beginn müssen die Mitarbeiter eine Abtretungserklärung für das Insolvenzgeld unterschreiben und man muss den Mitarbeitern in einer Betriebsversammlung das Sanierungsvorhaben erklären. Geschwätzige Mitarbeiter werden die Neuigkeiten trotz Geheimhaltungsverpflichtung blitzschnell weitergeben.

    Die zweite undichte Stelle entsteht aufgrund der Mahnungen. Nach und nach werden sich unfreundliche Briefe und Telefonate häufen. Will die Geschäftsführung den Schutzschirm geheim halten, muss sie die Gläubiger abwimmeln. Das ist anstrengend und irgendwann hat die Geschäftsführung aufgrund des enormen Drucks keine andere Wahl, als den Gläubigern den gerichtlich verordneten Gläubigerschutz und damit das Schutzschirmverfahren bekannt zu geben.

    Erfahrungsgemäß ist noch kein Schutzschirm geheim geblieben. Früher oder später kocht die Gerüchteküche. Deshalb kontrolliert die Geschäftsführung die Kommunikation besser von Beginn an selbst. Die wichtigsten Kunden, Lieferanten und maßgebliche Gläubiger-Banken unterrichtet die Geschäftsführung ein, zwei Tage vor der Eröffnung des Schutzschirms in einem persönlichen Gespräch. Alle anderen Beteiligten erhalten ein Rundschreiben oder eine Presseerklärung.

    Outen Sie sich nicht in der Planungsphase, sondern warten Sie bis Sie den Gerichtsbeschluss über die Eröffnung des Schutzschirms in Händen halten. Andernfalls kann es sein, dass Sie die Sanierung gefährden. Vor dem Schutzschirm verfügen Beteiligte über fristlose Kündigungsrechte aller Vertragsbeziehungen. Diesen „Gefallen“ sollten Sie den Beteiligten nicht erweisen.

    Tipp: Behalten Sie die Kontrolle über die Kommunikation des Schutzschirmverfahrens. Ihre wichtigsten Kunden usw. unterrichten Sie persönlich und alle anderen Beteiligten per Rundschreiben.


    Tipp 6: Wehren Sie feindliche Übernahmen im Schutzschirm ab, indem Sie sich dumm stellen

    Bei der Vorbereitung eines Schutzschirmverfahrens werde ich stets nach der größten Gefahr gefragt, die dem Sanierungserfolg entgegen steht. „Es kommt darauf an“, wie wir Juristen sagen, aber das Auftauchen eines Investors mit feindlichen Übernahmeabsichten ist stets eine große Gefahr.

    Die Gefahrenstelle hat seine Ursache in den gesetzlichen Vorschriften: So wie in der regulären Insolvenz muss die Geschäftsführung auch im Schutzschirm das Unternehmen bestmöglich verwerten. „Bestmöglich“ im Sinne der Gläubiger, versteht sich.

    Deswegen darf das Unternehmen fremde Kaufofferten nicht einfach ablehnen, sondern muss diesen nachgehen und fördern. Bietet ein Käufer mehr Geld, als das Unternehmen aus eigener Kraft und mit Hilfe des Schutzschirmverfahrens und Insolvenzplans aufbringen kann, müssen die Eigentümer das Unternehmen verkaufen.

    Seine „Verkaufsbemühungen“ muss das Unternehmen gegenüber der Gläubigerversammlung dokumentieren. Ergänzend hierzu muss das Unternehmen eine Vergleichsrechnung aufstellen, welche die Verwertungsalternativen: Betriebsschließung, Unternehmensverkauf, Insolvenzplan gegenüberstellt. Das Ergebnis der Vergleichsrechnung muss den Insolvenzplan als bestmögliche Verwertungsalternative erweisen. Nur dann gelingt der Schutzschirm und der Unternehmer darf seinen Betrieb erhalten.

    Doch keine Sorge: Weil wir die Gefahr kennen, können wir ihr wirksam entgegentreten. Gegen unerwünschte Investoren gibt es wirksame Abwehrstrategien, die eine Übernahme unattraktiv machen. Bisher habe ich noch kein Unternehmen auf diese Art verloren.

    Grob fehlerhaft wäre es, wenn Sie den unerwünschten Investor von Beginn an abblocken. Verweigern Sie die Verkaufsgespräche, wird ein motivierter Investor beim Sachwalter petzen und am Ende wird Ihnen das Gericht die Eigenverwaltung entziehen. Der Schutzschirm geht in ein reguläres Insolvenzverfahren über und der Insolvenzverwalter verkauft das Unternehmen.

    Also bitte kein Spielverderber sein, sondern tanzen Sie auf dieser Hochzeit mit. Am Ende wird die Braut unattraktiv für etwaige Bewerber sein.

    Tipp: Investoren mit feindlichen Übernahmeabsichten wehren Sie im Schutzschirmverfahren ab, indem Sie Ihr Unternehmen für den Investor möglichst unappetitlich machen.


    Tipp 7: Erstellen Sie einen Businessplan über die Sanierung

    Auch wenn kaum ein Jurist eine Bilanz oder eine BWA lesen kann: mitreden wollen sie alle. Deshalb benötigen Sie eine sorgfältige Planung des Schutzschirms von erster Stunde an.

    Im Gesetz steht zwar, dass Sie einen Rechtsanspruch auf Schutzschirm und Eigenverwaltung haben. Aber in der Praxis sieht das ganz anders aus. Richter mögen keine Schutzschirme und Insolvenzverwalter auch nicht, weil diese das Geschäft verderben.

    Also werden wir bei der Antragstellung einen gewissen Widerstand erfahren. Den Widerstand überwinden wir, indem wir bereits mit dem Antrags-Schriftsatz an das Gericht zeigen: „Ja, wir können Schutzschirm!“

    Unser Können zeigen wir, indem wir mit dem Antrag einen „Businessplan für das Schutzschirmverfahren“ bei Gericht einreichen. Dieser Businessplan enthält eine Erfolgs- und Liquiditätsrechnung, er beschreibt sowohl den Status Quo, die Krisenursachen und die zukünftige Strategie sowie einzelnen Sanierungsschritte.

    Weil in dem ersten Gespräch mit dem Sachwalter erfahrungsgemäß die Wissenstest-Frage kommt: „Gibt es schon einen Insolvenzplan?“, bin ich dazu übergegangen, den Businessplan mit den wichtigsten Insolvenzplan-Elementen zu ergänzen.

    Der Businessplan dient auch als wichtige Hilfe, die Gläubiger, Kunden und Lieferanten von dem Sanierungsvorhaben und vor allem von dem Fortbestand des Unternehmens zu überzeugen. Wollen Sie beispielsweise bei der Bank durchsetzen, dass sie zu Ihrem Unternehmen hält und bestimmte Immobilienkredite während des Schutzschirms aufrecht erhält oder Sicherungseigentümer das gelieferte Material nicht zurückverlangen, wird Ihnen der Businessplan wertvolle Dienste erweisen.

    Während der Laufzeit des Schutzschirmverfahrens werden wir die Liquiditäts- und die Gewinn- und Verlustplanung des Businessplans ständig fortschreiben und mit den tatsächlichen Werten vergleichen. Diese Gegenüberstellung benötigen wir später für die Gläubigerversammlung und den Insolvenzplan und dient als Beweis für die positive Fortführungsprognose.

    Tipp: Erstellen Sie zur Vorbereitung des Schutzschirmverfahrens ein aufwändiges Sanierungskonzept. Sie benötigen dieses dringend, um Richter, Banken, Gläubiger, usw. von Ihrem Vorhaben zu überzeugen.


    Tipp 8: Passen Sie den richtigen Eröffnungs-Zeitpunkt ab

    Das Gelingen des Schutzschirms hängt ein Stück weit davon ab, zu welchem Zeitpunkt das Gericht das Schutzschirmverfahren eröffnet. Ich empfehle Ihnen, den Zeitpunkt nicht dem Zufall zu überlassen, sondern gut zu planen.

    Zeitplanung deshalb, damit Sie keine wichtigen Vorarbeiten verpassen, wie beispielsweise die Eröffnung eines neuen Geschäftskontos, Bezahlung existenziell wichtiger Lieferanten, Neugründung oder Aufspaltung, Insolvenzgeldvorfinanzierung, Einbeziehung wichtiger Beteiligter, Berücksichtigung bestehender Globalzessionen, usw.

    Gerade beim Einstieg in die Schutzschirm-Sanierung kann viel schief gehen. Fließen die Zahlungseingänge beispielsweise aufgrund versäumter Umleitung weiter auf das überschuldete Geschäftskonto, sind diese Einkünfte bis zur Umleitung auf ein neues Konto verloren. Andererseits dürfen Sie die Zahlungsströme auf ein neues Konto auch nicht zu früh einleiten, sonst riecht die alte Geschäftsbank Lunte.

    Das Ziel der Zeitplanung besteht darin, dass das Unternehmen mit einem möglichst hohen Cash-Bestand in das Verfahren einsteigt. Je mehr Geld wir in der Kriegskasse sammeln, desto höher die Erfolgsaussichten.

    Der ideale Zeitpunkt für den Einstieg in den Schutzschirm hängt auch von der Fälligkeit der Arbeitslöhne ab. Bei den meisten Unternehmen bilden die Arbeitslöhne den größten Kostenblock. Folglich tritt die Zahlungsunfähigkeit oft mit der Fälligkeit der Lohnzahlung ein und folglich wird man den Schutzschirmantrag kurz vorher stellen, also zu Monatsende.

    Andererseits sollte das Unternehmen mit dem Schutzschirmantrag nicht bis auf den letzten Tag der Lohn-Fälligkeit warten. Sonst riskiert die Geschäftsführung, dass die Lohnzahlung nicht rechtzeitig erfolgt. Das ist zwar keine Katastrophe, kostet aber das Vertrauen der Mitarbeiter.

    Deshalb reichen wir den Schutzschirm-Antrag möglichst um den 15. des Monats ein.

    Tipp: Wählen Sie den Eröffnungs-Zeitpunkt des Schutzschirmverfahrens so, dass Sie mit einem möglichst hohen Cash-Bestand in das Verfahren einsteigen.


    Tipp 9: Verbünden Sie sich mit wichtigen Gläubigern

    Wie gehen wir im Schutzschirmverfahren mit den Gläubigern um? Um es vorneweg zusammenzufassen: Zu den Gläubigern, die wir brauchen, sind wir nett und die anderen Gläubiger sind uns egal.

    Also überlegen wir uns zu Beginn des Verfahrens, welche Gläubiger eine wichtige Position für den Sanierungserfolg innehalten und wie wir damit umgehen.

    Beispielsweise könnte unter Ihren Gläubigern eine Bank sein, die das Betriebsgrundstück finanziert. Weil es unser Ziel ist, dem Unternehmen das Betriebsgrundstück zu erhalten, müssen wir die Bank dazu bringen, die Grundstücks-Finanzierung im Schutzschirm beizubehalten und nicht zu kündigen.

    Ein anderes Beispiel in diese Richtung wäre der Leasing-Geber, der für eine Spedition die Sattelzüge finanziert. Kündigt der Leasing-Geber die Verträge und zieht die Fahrzeuge ein, ist die Schutzschirm-Sanierung gescheitert.

    Also werden wir zu diesen Gläubigern besonders nett sein und sowohl deren Interessen als auch deren Machtposition in unser Sanierungskonzept einbinden. Wir werden diesen Gläubigern den finanziellen Vorteil vorrechnen, wenn sie das tun, was wir uns von ihnen wünschen.

    Der Leasing-Geber der Spedition beispielsweise müsste nach der Kündigung die Fahrzeuge verwerten, was zu Verlusten führt. Deshalb erklären wir dem Leasing-Geber die Vorteile der Fortführung der Verträge.

    Viele dieser wichtigen Gläubiger und insbesondere Banken wünschen, dass man sie bereits vor dem Schutzschirm einbezieht. Ob man diesem Wunsch nachkommt, ist eine kniffelige Entscheidung. Es kann passieren, dass die Bank nun ihrerseits das entgegengebrachte Vertrauen ignoriert und den Kredit kündigt. Dann wäre das Unternehmen zahlungsunfähig und unsere Handlungsmöglichkeiten damit einschränkt.

    Tipp: Zeigen Sie den kriegsentscheidenden Gläubigern die Vorteile des Schutzschirmverfahrens auf und verbünden Sie sich mit diesen Gläubigern gegen alle anderen.


    Tipp 10: Schließen Sie unerwünschte Gesellschafter aus oder sichern Sie Ihre eigenen Anteile

    In vielen Fällen ist nicht nur die GmbH verschuldet, sondern auch der Unternehmer beispielsweise aufgrund von Bürgschaften. Liegt ein solcher Sachverhalt vor, wäre es sinnlos, nur das Unternehmen per Schutzschirmverfahren zu entschulden und nicht zugleich auch den Unternehmer.

    Zumeist ist der Unternehmer auch der Gesellschafter der GmbH. Entschuldet man nur das Unternehmen, würde die Gläubiger-Bank des Unternehmers sich „bedanken“ und danach die Gesellschaftsanteile pfänden und verwerten. Dann haben wir nichts gekonnt.

    Aus diesem Grunde nehme ich zumeist das Schutzschirmverfahren zum Anlass, mit der Bank auch über die Entschuldung des Unternehmers eine Lösung zu finden. Das ist aber nicht einfach, die Gläubiger-Banken sind in den letzten Jahren sehr hartnäckig geworden und geben keine Zugeständnisse mehr.

    Oft bleibt das private Schuldenproblem des Unternehmers schon aus Zeitgründen offen. Eine Einigung mit Banken kann sich über Jahre ziehen.

    Besser ist es deshalb die neuen gesetzlichen Möglichkeiten des Schutzschirmverfahrens zu nutzen und später im Insolvenzplan die Gesellschafter-Verhältnisse neu zu ordnen. Dies kann mittels eines Kapitalschnitts erfolgen: Dann sieht der Insolvenzplan zwei Schritte vor:

    Erster Schritt: Das Stammkapital der Gesellschaft wird auf Null gesetzt. Das bedeutet im Klartext, die Altgesellschafter sind enteignet.

    Zweiter Schritt: Eine im Insolvenzplan bestimmte Person wird zur Einzahlung neuer Stammeinlagen zugelassen. Also wird diese bestimmte Person der neue GmbH-Gesellschafter sein, beispielsweise Ihr Ehepartner.

    Nachdem der Unternehmer quasi enteignet und vermögenslos ist, lässt sich mit Gläubigern ohnehin besser verhandeln. Oder wir beantragen für den Unternehmer eine Privatinsolvenz. Kombiniert mit einem Insolvenzplan dauert die Privatinsolvenz maximal ein Jahr.

    Der Kapitalschnitt ist aber auch ein unschlagbares Mittel, um unliebsame Gesellschafter loszuwerden. Mit dem Kapitalschnitt werfen Sie diese einfach aus der Gesellschaft. Der Ablauf ist der gleiche: Der Insolvenzplan setzt die alten Gesellschaftsanteile auf Null. Damit hat der unliebsame Gesellschafter alle Anteile verloren. Im zweiten Schritt bestimmt der Insolvenzplan einen neuen Gesellschafter, den natürlich Sie bestimmen.

    Tipp: Ergreifen Sie im Schutzschirmverfahren die Gelegenheit und schließen Sie unliebsame Gesellschafter per Kapitalschnitt aus der Gesellschaft aus.